1000-fach kursiert die These, dass der Mensch (also jeder Mensch) EINE Bestimmung hat, und daher, insofern – und nur dann – wenn er diese Bestimmung lebt, sozusagen „On Mission“ ist, ja dass er dann und nur dann wirklich glücklich, gesund oder was auch immer sein kann.Meine Überzeugung ist (also bisher jedenfalls), dass es sowas wie Bestimmung nicht gibt. Die Begründung dafür ergibt sich meines Erachtens daraus, dass das „Sein an sich“, also das momentane Erleben der Gegenwart, immer nur „unbestimmt“ ist und sein kann, da ja das, was die mich umgebenden Menschen a. nicht ohne Einfluss auf mein eigenes Leben und Erleben ist und b. vom Willen und Geschick der anderen Menschen – also nicht von mir – gelenkt und getrieben wird. Demzufolge wäre „nach einer Bestimmung leben“ definitiv nicht identisch mit „Sein“. Da das „Sein“ also das momentane Erleben der Gegenwart ist, welches sich dem „stetigen Wandel der Wirlichkeit“ niemals entziehen kann, wäre die „Bestimmung“ des „Werdens“ auf ein ganz bestimmte, vorgegebene Weise durch EINEN Menschen nur so zu verstehen, dass dieser die Gesamtheit der Schöpfung in Händen hält. Das dies jedoch unmöglich ist erschließt sich auch dem Dümmsten spätestens daraus, dass kein Zweiter diese Eigenschaft des Schöpferischen haben können und somit die Schöpfung auf ein einziges Individuum – den Schöpfer zurückfällt.Ich glaube darin auch einen findamentalen Widerspruch zum Konstruktivismus erkannt zu haben; während von Glasersfeld *² und seine Anhänger glauben, die Unmöglichkeit des Realismus durch das offenkundige Fehlen der Objektivität bewiesen zu haben, fanden sie eigentlich lediglich heraus, dass Wahrnehmung subjektiv ist und die Realität nur in imaginären Facetten von etwas abweicht, was es erklärtermaßen ja eben gerade gar nicht gibt, einem Hirngespinst, der objektiven Wahrnehmung.
Nachdem also die Sache mit der Objektivität geklärt haben, ist der Realismus plötzlich wieder greifbar. Er ist nun zwar subjektiv – weshalb wir ihn bloß nicht gleich „Subjektivismus“ nennen sollten – aber er ist uns auf eine Weise real, die das genüssliche Trinken eine Glases mit frischem Wasser nicht gleich mit dem Fluch des sich nahenden Wahnsinn belegt, ich mir das alles nur einbilde und das Glas – geschweige denn das Wasser – eigentlich oder in Wirklichkeit gar nicht da ist.
Nochmal Sartre: „Der Mensch ist nicht, was er ist und er ist was er nicht ist“
* (vergl. Sartre, Das Sein und das Nichts; „an sich sein“ vers. „für sich sein“)
*² von Glasersfeld, Einführung in den radikalen Konstruktivismus